
Die Bedeutung der in diesem Kapitel vorgestellten Verfahren leitet sich einerseits
aus dem Nutzerverhalten, welches in dieser Arbeit beschrieben wurde und die
Basis der weiterführenden Überlegungen bildet, sowie aus den großen
Dokumentenmengen, die WWW-Recherchen in der Regel mit sich bringen, her. Dabei
wird die These vertreten, dass auch die besten Rankingverfahren in ihrer Wirkung
beschränkt sind, solange die Nutzer Anfragen eingeben, die auch von fortgeschrittenen
Verfahren nicht oder nur schwer verwertbar sind. Zu denken ist hier vor allem
an Anfragen, die nur aus einem Wort oder nur wenigen Wörtern bestehen.
Zwar konnte in den vorangegangenen Kapiteln gezeigt werden, dass verbesserte
Rankingverfahren sich bemühen, auch solchen Anfragen gerecht zu werden,
indem sie beispielsweise auf der Annahme basieren, dass Nutzer allgemein populäre
Dokumente bevorzugen. Allerdings lenken hier die Rankingverfahren stark auf
bestimmte Dokumente; der Nutzer bekommt weiterhin eine vollständige Trefferliste
angezeigt. Die in diesem Kapitel nun zu behandelnden Verfahren gehen davon aus,
dass der Nutzer nach der Anzeige der Trefferliste zu seiner ursprünglichen
Anfrage noch Bedarf an einer Verfeinerung bzw. Veränderung dieser Suchanfrage
hat. Zwar ist es in allen Systemen möglich, die Anfrage nachträglich
von Hand zu verändern, den Nutzern fehlen aber meist die Kenntnisse für
solche Veränderungen. Verfahren der intuitiven Benutzerführung lenken
den Nutzer durch das Anbieten von auf seine Suchanfrage zugeschnittenen Einschränkungsmöglichkeiten.
Dabei wird die ursprünglich abgeschickte Suche durch Elemente des Browsings
ergänzt. Ein Suchprozess besteht damit also aus zwei Schritten: (Einfache)
Formulierung der Suchanfrage sowie deren Reformulierung durch Anklicken von
Einschränkungsmöglichkeiten, die vom System aufgrund der Suchanfrage
und ihrer Treffer vorgegeben werden.
Systeme, die allein oder in erster Linie das Browsen unterstützen (wie
z.B. Web-Verzeichnisse), sollen im Kontext dieser Arbeit nicht zu den Systemen
der intuitiven Benutzerführung gerechnet werden. Das Browsing unterstützende
Systeme wie Klassifikationen und Thesauri sollen in diesem Kapitel entsprechend
im Kontext ihres Einsatzes nach dem Abschicken der Suchanfrage behandelt werden.
Die im alleinigen Einsatz dieser Systeme liegenden Eigenschaften werden nicht
behandelt.
Abbildung 10.1 zeigt schematisch den Ablauf einer interaktiven Informationssuche
im klassischen Information Retrieval. Nach dem Einloggen ins System wird eine
Suchanfrage formuliert und abgeschickt. Im folgenden Schritt wird nicht notwendigerweise
schon ein Ergebnis in Form einer Trefferliste ausgegeben, sondern es ist auch
möglich, dass nur die Anzahl der gefundenen Treffer angegeben wird, auf
deren Basis der Nutzer entscheiden kann, ob er die Suchanfrage modifizieren
möchte, um zu mehr oder zu weniger Dokumenten zu gelangen. Das dargestellte
Modell geht nun davon aus, dass die Suchanfrage solange reformuliert wird, bis
die gewünschte Anzahl von Dokumenten und die gewünschte Spezifität
erreicht wird. Die Reformulierung erfolgt entweder bereits nach der Ausgabe
der Dokumentenzahl bzw. der Durchsicht der Trefferliste oder aber nach der Ausgabe
der Dokumente und deren Ansicht.
Abb. 10.1. Interaktive Informationssuche in einer klassischen Information-Retrieval-Umgebung (Salton u. McGill 1987, 253)
Wendet man das beschriebene Modell unter Berücksichtigung des Nutzerverhaltens
auf Web-Suchmaschinen an, so zeigt sich eine deutliche Verkürzung der Informationssuche.
Zwar sind die Suchmaschinen prinzipiell darauf angelegt, eine interaktive Recherche
mit beliebig vielen Schleifen zu unterstützen, ihre Nutzung erfolgt jedoch
in der Regel ohne Modifikationen der Suchanfrage. Insofern besteht der Prozess
nur noch aus den Schritten „Einloggen“ (in diesem Fall das Ansteuern
der Website der Suchmaschine), der Eingabe der Suchbegriffe und der Trefferanzeige.
Zuletzt erfolgt eine Weiterleitung zu den ausgewählten Dokumenten (entsprechend
der Ausgabe der nachgewiesenen Dokumente im Schaubild).
Die im Folgenden beschriebenen Verfahren verlängern den Prozess der Informationssuche,
indem sie sich wieder stärker an dem Interaktionsmodell orientieren. Die
nach dem Abschicken der Suchanfrage ausgegebene Trefferliste stellt damit nicht
mehr den Endpunkt der Recherche dar, sondern einen Zwischenschritt, der zur
weiteren Modifikation der Suchanfrage „einladen“ soll.