
Während im klassischen Information Retrieval im Fall des konkreten Informationsbedarfs
die Antwort auf eine Faktenfrage und im Fall des problemorientierten Informationsbedarfs
eine Menge von Dokumenten zur Beantwortung einer Suchanfrage gewünscht
wird (Frants et al. 1997, 38), ist die Spanne der bei der Suche im Web unterschiedlichen
Anfragetypen weiter zu differenzieren. Broder (2002) unterteilt die Anfragen
auf Basis einer Nutzerbefragung sowie der Auswertung eines query logs von AltaVista
in drei Arten: navigational (navigationsorientiert), informational (informationsorientiert
und transactional (transaktionsorientiert).
Das Ziel von navigationsorientierter Anfragen ist es, eine bestimmte Website
zu erreichen, wobei der Nutzer entweder bereits von der Existenz dieser Site
weiß oder diese vermutet. Diese Anfrage-Art ist mit den known item searches
im klassischen Information Retrieval vergleichbar. Spink u. Jansen (2004, 90f.)
konstatieren in den letzten Jahren eine Zunahme von navigationsorientierten
Anfragen.
Informationsorientierte Anfragen) entsprechen am ehesten den im klassischen
Information Retrieval gestellten Anfragen. Ziel ist das Auffinden thematisch
passender Dokumente; die einzige weitere Aktion des Nutzers soll das Lesen der
gefundenen Dokumente sein. Eine Besonderheit im Web-Umfeld ist einzig die Spannweite
der gestellten Suchanfragen: diese reichen von völlig unspezifischen Einwort-Anfragen
wie cars bis zu hoch spezifischen Anfragen. Solche großen Unterschiede
lassen sich in klassischen Systemen nicht feststellen, da diese in der Regel
von geschulten Nutzern verwendet werden und die Spezifität nicht unter
einer gewissen Schwelle liegt, da sie sich aus dem fachlichen Umfeld ergibt.
Transaktionsorientierte Anfragen zielen auf eine Transaktion nach dem Auffinden
der entsprechenden Seite ab. Transaktionen können beispielsweise der Kauf
eines Produkts oder der Download einer Datei sein. Solche Anfragen sind web-spezifisch
und kommen im klassischen Information Retrieval nur in gesonderten Systemen
vor.
Die Auswertung der Nutzerumfrage sowie von 400 zufällig gewählten
Anfragen aus dem query log ergab, dass sich die Anfragen der AltaVista-Nutzer
zum Untersuchungszeitpunkt folgendermaßen aufteilten: zwischen 20 und
24,5 Prozent der Anfragen waren navigationsorientierte Anfragen, zwischen 39
und 48 Prozent informationsorientiert und zwischen 22 und 30 Prozent transaktionsorientiert.
Tabelle 2.2. Arten von Suchanfragen und ihre Häufigkeit (Broder 2002)
| Type of query | User Survey | Query Log Analysis |
| Navigational | 24,5% | 20% |
| Informational | ?? (estimated 39%) | 48% |
| Transactional | >22% (estimated 36%) | 30% |
Deutlich wird, dass alle drei Typen von Suchanfragen einen bedeutenden Anteil
an der Gesamtmenge aller Anfragen haben. Sie sollten deshalb im Design von Suchmaschinen
gleichermaßen berücksichtigt werden. Broder sieht in der Berücksichtigung
der Anfragetypen eine Evolution der Suchmaschinen: während die erste Suchmaschinen-Generation
sich am klassischen Information Retrieval orientierte und damit in erster Linie
informationsorientierte Anfragen beantworten konnte, gelang es in der zweiten
Entwicklungsstufe durch die Einbindung webspezifischer Daten wie etwa Linkstruktur
oder der Einbindung von Ankertexten, sowohl informationsorientierte als auch
navigationsorientierte Anfragen zu beantworten. In einer dritten Stufe sollen
auch transaktionsorientierte Anfragen besser beantwortet werden können,
indem die Suchmaschinen versuchen, die Nutzeranfrage besser einzuordnen bzw.
in einem iterativen Prozess vom Nutzer einordnen zu lassen. Solche Ansätze
werden in Kapitel 10 diskutiert.
Während bei navigationsorientierten und transaktionsorientierten Anfragen
jeweils nur ein Ziel-„Dokument" gefunden werden soll, werden informationsorientierten
Anfragen in der Regel erst durch eine Menge von Dokumenten befriedigt. In der
Einteilung nach Broder unberücksichtigt bleiben allerdings natürlichsprachliche
Anfragen, die einen konkreten Informationsbedarf ausdrücken.